Sebastian Köthe | 31, Kulturwissenschaftler; Berlin

dass es noch ein bisschen weitergeht.

Berlinale, Friedrichstadtpalast, alles voll. Schwarze Leinwand, eine Stimme erzählt auf Ungarisch die berühmte Geschichte von Nietzsche und dem Pferd. Nietzsche, der bekanntermaßen von Mitleid nicht viel hielt, beobachtet, wie ein Kutscher in Turin sein bockiges, vielleicht auch nur müdes Pferd peitscht. Nietzsche schreitet ein, umarmt das Pferd, weint. Dann fällt er in eine elf Jahre währende geistige Umnachtung, ehe er seine obligatorischen letzten Worte sagt – „Mutter, ich bin dumm“ – und stirbt.

Was folgt, ist nicht die Geschichte Nietzsches, sondern die des Pferdes. Hypnotische Musik, eine lange Plansequenz, Tanz des Auges mit der Welt, das Pferd zieht den Kutscher heim. Der Trab auf der Erde immer schwerer, der Herbstwind kalt, der Kutscher grimmig. Wie unendlich schön ist das, und gleichzeitig wie verflucht anstrengend. Dass überhaupt etwas existiert und nicht vielmehr nichts. Das Nichts lässt allerdings nicht zu lang auf sich warten.

Im „Turiner Pferd“geht Tag für Tag die Welt ein Stückchen unter. Die Holzwürmer verstummen, der Brunnen versiegt, der Wind hört auf zu wehen. Das Pferd verlässt den Stall nicht mehr, der Kutscher versucht, mit seiner Tochter zu fliehen, doch sie kehren um. Wir wissen nicht warum, und vielleicht ist das besser. In unzählige Schichten eingemummelt bleiben sie in ihrer Hütte. Sie hören auf zu essen, das Licht geht aus, sie bleiben stur am Tisch sitzen, fin.

Ein paar Tage später, immer noch Berlinale, sehe ich den Film noch einmal im Arsenal. Eine Sondervorführung, alle wollen diesen Film sehen, weil keiner, der ihn gesehen hat, etwas darüber zu sagen weiß, außer, dass man das gesehen haben muss. Ich wusste nicht, dass ein ganzes Kino 150 Minuten lang den Atem anhalten kann, aber es geht. Ohne Atem, aber mit großen Augen. Der ganze Körper Auge und Pulsschlag.

Ein unversöhnlicher Film über das Ende aller Dinge, und alles, was man will, ist, dass es noch ein bisschen weitergeht.