Renate Klett | 73, Theater- und Tanzkritikerin; Berlin

Da ich ein langes Theaterschau-Leben hinter und hoffentlich weiterhin auch vor mir habe, kenne ich das Herzflimmern bei dem einen unbeschreiblichen Moment, in dem sich alles verdichtet, recht gut. Die Auslese fällt schwer, aber beim Nachdenken darüber habe ich mich für zwei Momente entschieden, die gut miteinander korrespondieren.

Einmal die Schlussszene von Ariane Mnouchkines „L’Age d’Or“ in der Cartoucherie, ca. 1972.

Der marokkanische Bauarbeiter Abdullah, verführt durch die 100-Franc-Prämie des Vorarbeiters, steigt auf das auf das ungesicherte Baugerüst, beugt sich vor und fällt hinab. Beim Sturz, der in Zeitlupe gezeigt wird, zieht sein karges Leben an ihm vorbei, und er sieht seine Heimat: „Et voilà le Maroc! Ma femme! Mes enfants!“ schreit er und freut sich so sehr, sie zu sehen. Und er stürzt und stürzt und freut sich und freut sich. Schon wenn ich das jetzt schreibe, krieg ich wieder Gänsehaut.

Der zweite Moment ist aus Peter Steins „Drei Schwestern“- Inszenierung an der Berliner Schaubühne 1984. Jutta Lampe als Mascha steht an die Zimmertür gelehnt und macht ihrem Herzen Luft. All die Verachtung für ihren Mann und ihre Liebe zu Werschinin bricht aus ihr heraus, während sie ganz langsam, Zentimeter für Zentimeter, an der Tür heruntergleitet. Da war es so still im Saal, das man glaubte, alle 600 Herzen gleichzeitig schlagen zu hören, während sie jeden Zuschauer mitnimmt in ihre Stunde der Wahrheit. Unvergeßlich!

Und weil aller guten Dinge drei sind, muss auch noch Pina Bausch in ihrer Choreografie von Café Müller erwähnt werden, wie sie zwischen den Stühlen umherirrt. Sie kann nicht mal fallen oder sinken, nur sich ergeben. 

Drei Menschen, die sich wider Willen fügen, dem Schicksal und dem Leben.

Theater ist dann am größten, wenn es die Verzweiflung aufzeigt, die Akteure und Publikum verbindet.