Martina Schnabel | 74, im Ruhestand; Berlin

Kunst – Erlebnisse – Sekunden – Glück – Gänsehaut – Momente

Künste unterschiedlichen Genres faszinierten mich in verschiedenen Altersphasen unterschiedlich stark und tun dies noch immer
In meiner Kindheit war es der volle Bücherschrank meiner Eltern, der mich an die reiche, vielfältige Welt der Literatur heranführte. Das Erlernen eines Instruments, Hausmusik und das besondere Erlebnis des Chorgesangs brachten mir die klassische Musik nahe. Diese kulturelle Prägung begleitet mich bis heute.
Meine Jugendjahre verbrachte ich (gefühlt) im Theater. Oper, Schauspiel, Operette, Ballett – das war alles meins. Damals spielten für mich die Darsteller*innen, Sänger*innen, Tänzer*innen eine große Rolle, ihre Stimmen, ihre Ausstrahlung, ihr Spiel, ihr Können. Auch ihretwegen liebte ich das Theater.

Später fand ich im Theater der großen Regisseur*innen neben der Musik und der Bühnenliteratur besonders aufregend die Bilder, die sie mir schenkten und die in mir blieben. Unvergessen zum Beispiel „Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke“ (Siegfried Matthus), umstrittene Berghaus-Inszenierung, dennoch in der Semperoper Dresden uraufgeführt, eine Bühne voller verstörender Bilder, das Drehkreuz, hindurch gehen wieder und wieder Soldaten und Offiziere, das riesige Bett, die Frauen ganz in Weiß, nicht enden wollend das „Schneien“ blutroter Blütenblätter … der wunderbare, stimmstarke Chor, unsichtbar … a-capella-Gedankenstimmen … Unvergessen.

Viel später die Satire „Murx ihn, den Europäer! … Murx ihn ab!“, kurz nach der Wende von Marthaler auf die Bretter der Berliner Volksbühne gebracht! Neben all den Glanzpunkten dieser Kult-Inszenierung ist mir ein Moment in bleibender Erinnerung: Da ist dieser große alte Kohle-Heizkessel, eine Klappe wird geöffnet, lodernd brennt das Feuer im Ofen … daraus klingt wie von fern der Gesang eines gewaltigen Chores: russische und deutsche Revolutions- und Arbeiterlieder … bis die Klappe abrupt geschlossen wird. Ein „Gänsehaut“-Moment.

Auch im Theater der Dinge, Figuren und Objekte sind es immer wieder die Bilder, die mich faszinieren. Bilder … so noch nie gedacht, noch nie gesehen … erstehen vor mir, entstehen in mir, bleiben bei mir, herbeigezaubert durch das artifizielle Talent und Können der Regisseur*innen, Spieler*innen und Puppenbauer*innen, durch ihre Phantasie und das Vermögen, ihre Gedanken mit Materialien verschiedenster Art zu neuem Ausdruck zu verschmelzen und starke Emotionen in mir zum Klingen zu bringen.

Eine Momentaufnahme hat sich eingebrannt: „Kinder der Bestie“, Teatron Theater und figuren theater tübingen. Aus der Erde, aus dem Sand, in dem sie einst vergraben wurden, erheben sich im Holocaust Ermordete, Sand rinnt ihnen aus Augen und Mündern … erschütternd. Ich vergaß, dass es Puppen sind. Aber dieses Bild kann ich nicht vergessen, geschaffen von Frank Soehnle, dessen skurrile Figuren von ihm selbst virtuos bewegt werden.

Dunkelheit – Schatten – Tod – so viele Tote, ihre Reihe schier unendlich, Sterbende und Tote wieder und wieder, langsam nehmen sie ihren Weg über den Styx ins Totenreich. Strenge Szenerie, düstere, erregende Musik … den Bildern der Aufführung „Wrota“ (Das Tor) von Scena Plastyczna konnte man sich nicht entziehen. Nie vorher oder danach habe ich das Ende einer Vorstellung so erlebt: Stille – niemand kommt, um sich zu verbeugen. Tot, alle tot … Beim Verlassen des Saales ein Schock: Da liegen sie, die Toten, nackt und bloß, unter dem gläsernen Boden, über den man gehen muss. Kaum wage ich aufzutreten. Meine Gedanken gehen zu meinen Ahnen, zu den Generationen von Toten, die unter uns liegen. Auch über mich wird das Leben hinweggehen.

Ganz anders die Figuren- und Bildschöpfungen einer Mo Bunte (kranewit Theater). Aus Fundstücken vom Wegesrand kreierte sie ihre Figuren und Masken. Ich erinnere mich an „Das verwaiste Kind“, eigentlich ein Sterntaler-Märchen, hier eine Fluchtgeschichte. Als sie eine kleine Eisenbahn, aus alten Kisten zusammengefügt, über die Bühne schiebt, entstehen in mir plötzlich jene berührenden Bilder, die Brecht in seinem Gedicht vom Kreuzzug der Kinder beschreibt – imaginiert mit ein paar rohen Brettern …

So viele außergewöhnliche Menschen, Künstler*innen, die ich kennenlernen durfte, wären noch zu nennen, so viele Glücksmomente, die mir durch die Künste zuteilwurden, die mein Leben bereicherten, meinem Denken und Empfinden neue Facetten hinzufügten! Durch Literatur, Musik und Theater wurden mir auf intensive Weise Bilder geschenkt – schöne und schreckliche, vor allem unvergessliche.
Kunst – sie kann unser Herz berühren, unsere Seele erschüttern, unsere Gedanken klären, unser Menschsein auf die Probe stellen … Sie kann uns Schmerz und Freude bereiten, uns glücklich machen. Was wäre denn unser Leben ohne die Künste, ohne Kultur? Arm, unvorstellbar arm.

November 2020