Hedda Kage | 79 Jahre, Dramaturgin; Berlin

Von Nils Holgersson nach Sibirien und zurück

Ich kenne das Künstlerduo Wilde&Vogel noch aus Stuttgarter Zeiten, als beide, das musikalische Mädchenwunder Charlotte und der Figurenzauberer Michael, sich zu einem kreativen Nucleus Wilde&Vogel zusammenfanden, aus dem sich inzwischen die internationale Räume füllende und Welt umgreifende Künstlerfamilie – mit eigenem Stammhaus im Leipziger Westflügel Lindenfels -entwickelt hat. Ich darf mich zu den ältesten Bewunderern und Freunden ihrer besonderen Kunst der Verwandlung zählen und sitze jedes Mal aufgeregt und mit dem Lampenfieber wie vor einer Uraufführung im Saal, auch wenn es sich um die 25. Vorstellung handelt. Denn ich wünsche mir das Ur-Erlebnis zurück, das für mich damals im FITZ den Schleier gelüftet, die Sinne geöffnet hat für das Gesamtkunstwerk des Figurentheaters. Es war gar nicht die Premiere, sondern eine spätere Vorstellung von „Nils Holgersson“, die mich abheben ließ in den von Charlotte eröffneten Klangweltraum, durch den Michaels „Figur“ mich den „Traum vom Fliegen“ nachholen ließ, den ich nie geträumt hatte. Ur- Erlebnisse kann man nicht beschreiben, sie sind aus dem undefinierbaren Traumstoff gemacht, der eine Sehnsuchtserinnerung hinterlässt. Nach diesem Erlebnis wollten mir die leidenschaftlich geführten ideologischen Schlachten um den Begriff „Puppentheater / Obekttheater/ Figurentheater“ geradezu lächerlich erscheinen. Ich hatte auf der kleinen Welttheaterbühne des FITZ leibhaftig erfahren, was mir diese Kunstform bedeuten sollte und wonach ich mich nun immer wieder sehnen würde. In vielen weiteren wunderbaren, mit anderen Spielern und Musikern entwickelten Inszenierungen von Wilde & Vogel oder auch in Gastspielen großer internationaler Kollegen ist etwas von dieser totalen Verzauberung des Ur-Erlebnisses in mir wach geworden. Aber so dicht dran an der Auflösung, am Grenzenlosen war ich dann erst wieder in „Sibirien“. Nur Charlotte und Michael in eisig trostloser Einsamkeit. Wer sich zu Recht vor unserer Pandemie fürchtet, der sollte seine Furcht mit dem Besuch dieser Aufführung bekämpfen. Dafür müsste auch der Westflügel Lindenfels seine Türe wieder öffnen dürfen.