Matthias Schiffner | 62, Öffentlichkeitsarbeiter; Leipzig

Stadtmusik

Zwei Stunden, die noch 42 Jahre später nachhallen. Du gehst durch die Innenstadt deines Heimatortes (hier Bielefeld), die Obernstraße entlang zum Alten Markt, zur Altstädter Nicoliakirche, zum Theater. Fußgängerzone. Klangzone. Wo du auch stehst Rhythmen in der Luft, wohin du auch gehst, eine singende klingende Traumzauberstadt. Ein Käfigwagen wie eine mobile Gefängniszelle zieht vorbei, eng besetzt mit dem Klagegesang von Menschen aus einer anderen Zeit, anderem Raum, schockierend kostümiert und geschminkt, in endloser Langsamkeit gezogen von vier Narren, ein einzelnes Konsumentenpaar mit Einkaufsbeuteln und plärrendem Transistorradio, zwei geschäftige Musikarbeiter in Schweißermontur, die auf Metall einhämmern, ein Chor von mittelalten Männern, die auf Glockenschlag sich auf den Balkon in höchster Höhe drängeln und dadaistische Wortbrocken aus sich heraus wälzen. Und und und. Wohin du auch gehst, eine halbe Stunde, eine Stunde, zwei Stunden, du entkommst dem Klang nicht, der Musik, dem szenisch-akustischen Gewusel, das die komplette Innenstadt belegt, den Klängen, die den Stadtraum in geformte, rhythmische Sphärenmusik verwandelt, und wo sie verebbt, setzt sie am nächsten Häusereck von Neuem ein, nur anders. Jeder Ton komponiert, allerdings auf der Grundlage eines einzigen Akkords, der in unendlichen Variationen einen Klang auch im Innern erzeugt, der dich nicht mehr loslässt. Der sich mit dir verbindet und dich mit der Welt – alle Sinne bis zum Gehtnichtmehr gespreizt, sperrangelweit geöffnet. Die Welt als Rausch und Klang und hymnische Feier ans Dasein, auf dass du nie wieder die Augen, Ohren, Häute verschließen kannst vor dem Reichtum um dich herum. Der auch – in irgendeinem Hinterhof – nichts weiter ist als zarter einstimmiger Gesang, vibrierend, nachhallend auf dem Grund deiner Seele.

Eine Vermählung der Welt mit dir. Die anhält, auch 42 Jahre danach.

zu: Stadtmusik. Ein musikalisch-szenisches Perpetuum Mobile für die Bielefelder Altstadt (1978) von Harald Weiss, UA 9.6.1978 mit über 300 Beteiligten Künstler*innen.